Neue Erkenntnisse verbinden körperliche Aktivität mit einer besseren Darmgesundheit und unterstreichen damit die entscheidende Bedeutung von Bewegung für Prävention und Behandlung von Krebs.
Die wegweisende internationale Challenge-Studie zeigte, dass strukturierte Trainingsprogramme die Überlebenschancen von Menschen nach Darmkrebs deutlich verbessern können.
Vorgestellt wurde die Studie auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie. Jedes Jahr im Juni kommen Krebsspezialistinnen und Krebsspezialisten aus aller Welt in Chicago zusammen, um Forschungsergebnisse zu präsentieren, die die Grenzen der Krebstherapie erweitern. Die diesjährige Konferenz brachte eine Vielzahl vielversprechender Entdeckungen hervor.
Challenge-Studie: Bewegung nach Darmkrebs
Die in sechs Ländern durchgeführte und im New England Journal of Medicine veröffentlichte Challenge-Studie begleitete 889 Patientinnen und Patienten über mehrere Jahre nach ihrer Chemotherapie.
Per Zufallsverfahren wurden sie in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt die übliche Nachsorge nach der Behandlung, die andere absolvierte ein dreijähriges Coachingprogramm mit individuellen Bewegungsplänen und regelmässigen Gesprächen mit Fitnessfachkräften.
Die Ergebnisse fielen bemerkenswert aus: In der Bewegungsgruppe traten 28% weniger Krebsrückfälle und 37% weniger Todesfälle auf.
Im Verlauf des Programms steigerten die Teilnehmenden ihr Bewegungspensum schrittweise. Die meisten entschieden sich für vier zügige Spaziergänge von jeweils 45 Minuten pro Woche. Nach fünf Jahren waren 90% der körperlich Aktiven krebsfrei, gegenüber lediglich 74% in der Gruppe ohne Training.
Die Studie liefert erstmals belastbare Hinweise darauf, dass Bewegung nicht nur mit besseren Ergebnissen zusammenhängt, sondern die Überlebensraten von Krebspatientinnen und Krebspatienten unmittelbar verbessert. Frühere Beobachtungsstudien hatten bereits einen Zusammenhang zwischen Aktivität und günstigeren Krebsverläufen gezeigt. Diese erste randomisierte kontrollierte Studie stützt jedoch einen ursächlichen Effekt: Bewegung kann das Überleben von Menschen mit Krebs direkt fördern.
Ob sich dieser Nutzen auch auf andere Krebsarten wie Brust-, Prostata- oder Lungenkrebs übertragen lässt, ist noch nicht bekannt. Dennoch handelt es sich um einen bedeutenden Fortschritt.
Entscheidend für den Erfolg des Programms war die kontinuierliche Unterstützung. Zunächst trafen sich die Teilnehmenden alle zwei Wochen mit Fitnesscoaches, später monatlich. So konnten sie ihre Routinen auch nach Abschluss der Behandlung besser beibehalten.
Kleinere Verletzungen, etwa Muskelzerrungen, kamen bei den Trainierenden zwar etwas häufiger vor als in der Kontrollgruppe (19% gegenüber 12%). Die Forschenden betonten jedoch, dass diese Beschwerden gut beherrschbar seien und die erheblichen Überlebensvorteile klar überwögen.
Mögliche Nachteile extremer Bewegung?
Den ermutigenden Ergebnissen zum strukturierten Training steht eine weitere in Chicago vorgestellte Studie gegenüber, die Fragen zu möglichen Nachteilen von extremem Ausdauertraining aufwirft.
Forschende, die Marathonläuferinnen und Marathonläufer beobachteten, stellten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine höhere Rate an Polypen fest. Dabei handelt es sich um kleine Wucherungen im Darm, die sich mitunter zu Krebs entwickeln können. Dieses unerwartete Ergebnis hat eine neue Debatte über den Einfluss hochintensiver Bewegung auf die langfristige Darmgesundheit ausgelöst.
Allerdings ist eine Einordnung wichtig. Die Studie stellte bei den Läuferinnen und Läufern keine höheren Krebsraten fest, und bei den meisten nachgewiesenen Polypen handelte es sich um Veränderungen mit niedrigem Risiko.
Dafür werden mehrere mögliche Erklärungen diskutiert: Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportler könnten sich schlicht häufiger untersuchen lassen, wodurch mehr Polypen entdeckt werden. Ebenso könnte intensive körperliche Belastung Entzündungsmarker vorübergehend erhöhen.
Entscheidend ist, dass das allgemeine Krebsrisiko bei aktiven Menschen weiterhin geringer ist als bei stärker sitzend lebenden Personen. Das bestätigt die gut belegte Schutzwirkung regelmässiger Bewegung.
Der scheinbare Widerspruch verdeutlicht, wie sich das medizinische Verständnis der „Dosis“ körperlicher Aktivität weiterentwickelt. Moderate Bewegung wird durchgängig mit erheblichen gesundheitlichen Vorteilen in Verbindung gebracht. Neue Daten von Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportlern deuten dagegen darauf hin, dass extremes Training mit hoher Intensität die Körpersysteme auf andere Weise belasten kann.
Forschende weisen zudem darauf hin, dass Faktoren wie Dehydrierung bei Langstreckenläufen, Veränderungen der Darmfunktion oder die Einnahme bestimmter Nahrungsergänzungsmittel, die unter Ausdauersportlerinnen und Ausdauersportlern verbreitet sind, zur Polypenbildung beitragen könnten. Diese Befunde schmälern die umfassend dokumentierten Vorteile körperlicher Aktivität nicht. Sie unterstreichen vielmehr, wie wichtig individuelle und ausgewogene Gesundheitsstrategien sind.
Bewegung und Vorsorge bei Darmkrebs
Für Menschen, die Darmkrebs überlebt haben, vermittelt die Studie zum strukturierten Training eine praxisnahe und hoffnungsvolle Botschaft. Die Teilnehmenden strebten ein Pensum an, das ungefähr drei Stunden zügigem Gehen pro Woche entsprach, und erhöhten ihre Aktivität nach und nach.
Die soziale Unterstützung innerhalb des Programms spielte eine Schlüsselrolle: Fitnesscoaches halfen den Teilnehmenden dabei, ihre Routinen an ihre Fähigkeiten und ihren jeweiligen Erholungsbedarf anzupassen.
Es wird angenommen, dass Bewegung zentrale biologische Prozesse beeinflusst – darunter Insulinempfindlichkeit, Entzündungen und die Immunfunktion –, die bei der Entstehung und dem Fortschreiten von Krebs eine wichtige Rolle spielen. Laufende Untersuchungen analysieren Blutproben der Teilnehmenden, um diese Mechanismen besser zu verstehen und später personalisierte Bewegungs-„Verordnungen“ auf Grundlage des genetischen Profils einer Person entwickeln zu können.
Die Befunde zu Marathonläuferinnen und Marathonläufern sind zwar weniger eindeutig, liefern aber dennoch praktische Hinweise. Die Forschung legt nahe, dass intensiver Sport im Allgemeinen zwar vorteilhaft ist, Hochleistungsausdauerathletinnen und -athleten jedoch ein höheres Risiko für Polypen haben könnten. Sie sollten deshalb vorsorglich regelmässige Darmspiegelungen in Erwägung ziehen.
Für die Allgemeinbevölkerung bekräftigen diese Ergebnisse, dass die Kombination aus moderater Bewegung und rechtzeitigen Vorsorgeuntersuchungen den besten Schutz vor Darmkrebs bietet. Diese Erkrankung ist weltweit weiterhin die vierthäufigste Krebsart und nimmt unter jungen Menschen in besorgniserregendem Mass zu.
Für Patientinnen und Patienten ebenso wie für Sportlerinnen und Sportler verweisen die Ergebnisse auf eine zentrale Erkenntnis: Bewegung ist wichtig, doch der richtige Ansatz ist entscheidend. Menschen, die Darmkrebs überlebt haben, verfügen nun über nachweislich wirksame Möglichkeiten, durch strukturiertes Training Rückfälle zu senken. Ausdauerbegeisterte erhalten zugleich einen Anreiz, ihr Training mit Vorsorge zu verbinden.
Während die Wissenschaft das komplexe Zusammenspiel von Aktivität und Biologie weiter entschlüsselt, bleibt eine Botschaft eindeutig: Ob bei der Genesung nach einer Erkrankung oder bei der Jagd nach persönlichen Bestleistungen – fundierte Bewegung in Verbindung mit medizinischer Begleitung ist der verlässlichste Weg zu langfristiger Gesundheit.
Justin Stebbing, Professor für biomedizinische Wissenschaften, Anglia Ruskin University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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