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Körperliche Aktivität und Stimmung im Alltag: Studie mit 8.223 Teilnehmenden

Gruppe joggt im Park, junge Frau wischt sich Schweiß mit Handtuch ab, Arzt beobachtet und notiert Daten.

Die meisten Studien zu körperlicher Aktivität finden im Labor statt. Freiwillige laufen auf Laufbändern, beantworten Fragebögen zu ihrer Stimmung und gehen anschliessend nach Hause.

So erhalten Forschende zwar kontrollierte Daten, erfahren jedoch kaum, was während des übrigen Alltags der Teilnehmenden geschieht.

Ein Wissenschaftsteam wollte deshalb mehr als 8.000 Menschen durch ihren tatsächlichen Tagesablauf begleiten. Mithilfe von Sensoren am Handgelenk erfasste es ihre Bewegung und fragte per Smartphone fortlaufend nach ihrem Befinden.

Die Resultate entsprachen nicht den Erwartungen der Forschenden.

Was Menschen in Bewegung bringt

Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren, bleibt eine Herausforderung, die sich durch Wissen allein nie lösen liess.

Die Forschenden gingen der Frage nach, ob nicht Botschaften zur öffentlichen Gesundheit, sondern die Stimmung Menschen tatsächlich vom Sofa aufstehen lässt.

Zusammen mit Partnern in Salzburg, Karlsruhe und Mannheim widmete sich das Team einer einfacheren Frage: Wie fühlen sich Menschen vor und nach den kleinen Bewegungen eines gewöhnlichen Tages?

Professor Markus Reichert koordinierte das Projekt an der Ruhr-Universität Bochum (RUB).

Er untersucht seit Jahren körperliche Aktivität und Stimmung ausserhalb des Labors. Mit dieser Analyse sollte ein seit Langem bestehender Widerspruch in der Forschung geklärt werden.

„Es ist seit Langem bekannt, dass körperliche Aktivität das Wohlbefinden positiv beeinflusst, doch bislang hatten wir dafür nur Belege aus Labor- und Querschnittsstudien“, sagte Reichert.

Einblick in die Meta-Analyse

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bündelten 67 einzelne Datensätze aus 14 Ländern. Ausgewertet wurden Angaben von 8.223 Teilnehmenden, die über ihre Smartphones 321.345 Stimmungsabfragen beantworteten.

Die Daten von Beschleunigungsmessern – am Handgelenk getragenen Sensoren, die jede Bewegung aufzeichnen – ergänzten dies um fast eine Million Stunden Tracking.

Frühere Arbeiten, die dieselbe Forschungsgruppe in einer Übersichtsarbeit erfasst hatte, hatten widersprüchliche Ergebnisse geliefert. Der neue Datensatz sollte diese Unklarheit auflösen.

Körperliche Aktivität und Stimmung

Wenn Menschen sich mehr bewegten, ging es ihnen besser. Umgekehrt bewegten sie sich auch stärker, nachdem sie sich besser gefühlt hatten. Das zentrale Ergebnis weist somit in beide Richtungen; eine eindeutige Richtung setzt sich nicht durch.

Dieses Muster zeigte sich sowohl innerhalb einzelner Personen – an ihren besseren im Vergleich zu ihren schlechteren Tagen – als auch zwischen den Teilnehmenden: Generell berichteten aktivere Menschen von einer besseren Stimmung als weniger aktive.

Erstmals konnten beide Wirkungsrichtungen mit umfangreichen Daten aus dem realen Leben bestätigt werden.

Energetische Aktivierung war nahezu universell

Ein Befund hob sich deutlich von allen anderen ab. Mehr als 95 Prozent der Teilnehmenden fühlten sich vor oder nach körperlicher Aktivität energiegeladener. Eine derartige Einhelligkeit ist in diesem Forschungsfeld selten.

Diesen Zustand bezeichnen Forschende als energetische Aktivierung: wach, aufmerksam und bereit, etwas zu tun.

Zügiges Gehen statt Sitzen hing auf einer 4-Punkte-Skala für Energie mit einem Anstieg um 0.62 Punkte zusammen – dem stärksten Ausschlag unter allen erfassten Stimmungswerten.

Emotionale Veränderungen nach körperlicher Aktivität

In diesen Daten sorgte Bewegung nicht für ein ruhigeres Gefühl. Viele Teilnehmende gaben vielmehr an, weniger ruhig zu sein.

Als das Team ermittelte, wie entspannt sich die Menschen vor und nach Aktivität fühlten, entwickelte sich der Wert in die entgegengesetzte Richtung. Gehen statt Sitzen war auf einer 4-Punkte-Skala für Ruhe mit einem Rückgang um 0.22 Punkte verbunden.

Negative Gefühle – Traurigkeit, Ärger und Angst – veränderten sich kaum. Nach einem Spaziergang fühlten sich die Menschen nicht weniger ängstlich, und vor dem Hinsetzen nicht trauriger.

Ein Zusammenhang, der in populären Wellnessbeiträgen eine dominante Rolle spielt, zeigte sich in diesen Daten nicht. Auch dieses Ausbleiben ist auf seine Weise ein relevantes Ergebnis.

Lange gingen Forschende davon aus, dass Aktivität negative Gefühle unmittelbar verringert. Die über Tausende gewöhnliche Tage erhobenen Daten stützen diese Annahme nicht – zumindest nicht auf der Ebene eines sofortigen Effekts.

Grössere emotionale Veränderungen könnten höhere Umfänge, längere Zeiträume oder andere Bewegungsformen erfordern.

Wer am stärksten profitiert

Durchschnittswerte für Gruppen verdecken einen wichtigen Aspekt: Die Menschen unterschieden sich, teils erheblich.

Ein kleiner Anteil der Teilnehmenden fühlte sich vor oder nach Aktivität sogar schlechter. Am meisten profitierten diejenigen mit der niedrigsten Ausgangsstimmung.

„Unsere Studie zeigt zudem, dass Personen mit geringem Wohlbefinden besonders von körperlicher Aktivität profitieren“, sagte Onur Güntürkün, Mitautor an der Ruhr-Universität Bochum.

Menschen, die zu Beginn die schlechteste Stimmung hatten, verzeichneten die stärksten Verbesserungen. Das deutet darauf hin, wo der Nutzen besonders liegt: nicht bei den ohnehin Aktiven, sondern bei jenen, deren psychische Gesundheit stark belastet ist.

Weiterreichende Bedeutung der Studie

Die Erkenntnis lautet nicht einfach, dass Bewegung gesund ist – das war bereits bekannt. Neu ist, dass derselbe beständige Effekt bei alltäglicher Bewegung auftritt und nicht nur bei gezieltem Training.

Der mit Gehen statt Sitzen verbundene Energiezuwachs von 0.62 Punkten war nicht auf das Labor beschränkt, sondern zeigte sich im gewöhnlichen Alltag.

Über Stimmungswerte hinaus lenken die Daten den Blick der Forschung auf die Biologie.

Neuere Arbeiten, darunter eine Studie aus dem Jahr 2022 darüber, wie Darmmikroben den Bewegungsdrang beeinflussen könnten, deuten darauf hin, dass den Stimmungswerten ein körperlicher Mechanismus zugrunde liegt.

Für Ärztinnen und Ärzte, die Patientinnen und Patienten mit gedrückter Stimmung behandeln, ist dieser praktische Ansatz nun durch Daten aus dem realen Leben gestützt. Damit spricht mehr dafür, jede Form von Bewegung zu verordnen.

„Unsere Aufgabe in den kommenden Jahren besteht nun darin, zusätzliche persönliche und kontextuelle Faktoren zu identifizieren, die die Unterschiede in den Zusammenhängen erklären können“, sagte Reichert.

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