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Herzschlagverbrauch: Was eine Herzschlag-Bilanz über Ihre Gesundheit verrät

Junger Mann sitzt im Café und schaut auf seine Smartwatch, Herzen schweben in der Luft.

Stellen Sie sich vor, Ihre Smartwatch würde nicht nur anzeigen, wie viele Schritte Sie gegangen sind oder wie viele Kalorien Sie verbrannt haben. Sie könnte auch erfassen, wie viele Herzschläge Sie jeden Tag „verbrauchen“. Einer aktuellen Studie zufolge könnte diese Zahl eines Tages zu einem weiteren Gesundheitsindikator werden – zu einem „Herzschlagbudget“, das theoretisch erkennen lässt, ob Sie Ihre wichtigste Ressource übermässig beanspruchen.

Die Vorstellung, dass es eine lebenslange Obergrenze für Herzschläge gibt, kursiert seit Jahrzehnten. Sie beruht auf dem alten Mythos, das Herz verfüge über eine festgelegte Zahl an Schlägen – häufig ist von rund 2,5 Milliarden die Rede. Demnach würde jeder zusätzliche Herzschlag das Ende näher rücken lassen.

Zum Glück gilt diese Annahme inzwischen weitgehend als widerlegt.

Herzschlagverbrauch und die Ergebnisse der Studie

Sport verkürzt das Leben nicht, nur weil das Herz dabei schneller schlägt. Im Gegenteil: Menschen, die regelmässig trainieren, haben meist einen niedrigeren Ruhepuls und leben tendenziell länger. Die neue, in JACC: Advances veröffentlichte Untersuchung greift diese Metapher jedoch mit einem modernen, datenbasierten Ansatz auf.

Das Forschungsteam wertete Daten aus Fitness-Apps von Spitzensportlern aus und verglich deren Ruheherzfrequenz mit der gesamten täglichen Zahl an Herzschlägen. Ihren Berechnungen zufolge „sparen“ ausdauertrainierte Athleten durch ihren niedrigeren Ruhepuls gegenüber untrainierten Erwachsenen etwa 11.500 Herzschläge pro Tag.

Diese Einsparungen halten jedoch nicht dauerhaft an. Eine einzelne Etappe der Tour de France kann Fahrer nach Schätzung der Forschenden rund 35.000 zusätzliche Herzschläge kosten – ein Hinweis darauf, wie stark das Herz während eines Wettkampfs arbeitet.

Dieses Wechselspiel aus eingesparten Schlägen in Ruhe und verbrauchten Schlägen unter Belastung bezeichnen die Forschenden als Herzschlagverbrauch. Das Prinzip ist einfach: Die tägliche Gesamtzahl der Herzschläge zeigt, wie das Herz auf alles reagiert, was wir tun – von Schlaf über Stress bis hin zu Sport. Fitness-Tracker messen die Herzfrequenz bereits kontinuierlich; es wäre daher kein grosser Schritt, diese Schläge zusammenzurechnen und daraus einen neuen Gesundheitswert zu machen.

Doch hat dieser Wert tatsächlich Aussagekraft? Genau hier wird es unklarer. Die Autoren der Studie räumen ein, dass ihre Analyse klein und beobachtend war. Sie untersuchten keine gesundheitlichen Ergebnisse der Teilnehmenden, sondern ausschliesslich Muster in deren Herzfrequenzdaten. Eine hohe tägliche Herzschlagzahl kann auf körperliche Aktivität hindeuten, aber ebenso durch Angst, geringe Fitness, Koffein oder Hitze erklärt werden. Ohne den jeweiligen Kontext sagt die Zahl allein wenig aus.

Warum Herzfrequenz mehr als nur Aktivität zeigt

Trotzdem wirkt die Idee intuitiv plausibel. Die Herzfrequenz gehört zu den deutlichsten Hinweisen darauf, wie gut unser Körper mit den Anforderungen des Alltags zurechtkommt. Ein dauerhaft erhöhter Ruhepuls wird mit einem höheren Risiko für Herzerkrankungen, Schlaganfälle und einen frühen Tod in Verbindung gebracht.

Auch die Schwankungen in den Zeitabständen zwischen einzelnen Herzschlägen – die sogenannte Herzfrequenzvariabilität – gelten als etablierter Indikator für Stress und emotionales Wohlbefinden. Der Gedanke des „Herzschlagverbrauchs“ könnte Menschen helfen, den Zusammenhang zwischen körperlicher und psychischer Belastung besser zu veranschaulichen.

Athleten kennen die Bedeutung dieses Gleichgewichts bereits. Wer zu intensiv und zu häufig trainiert, kann seinen Ruhepuls erhöhen, die Herzfrequenzvariabilität senken und seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigen – ein klassisches Zeichen von Übertraining.

Leichtere Einheiten zur sogenannten aktiven Erholung, bei denen die Herzfrequenz niedrig bleibt, beschleunigen nachweislich die Regeneration, verbessern die Gesamtleistung und stabilisieren die Stimmung. Wenn ein „Herzschlagbudget“ dabei hilft zu erkennen, wann das Herz auf Hochtouren arbeitet, könnte es zu sanfteren Trainingstagen anregen, bevor ein Burnout eintritt.

Was die Daten nicht verraten

Die Überlegungen könnten auch für Menschen mit chronischen Erkrankungen relevant sein. Einige Gesundheits-Apps nutzen bereits Herzfrequenzschwellen, um Anwender vor Überlastung zu schützen – besonders dann, wenn Erschöpfung oder eine Belastung des Herzens die Erholung erschweren können. In diesem Zusammenhang könnte die Erfassung des Herzschlagverbrauchs eher als Warnsignal denn als Wettbewerb dienen: als Möglichkeit zu erkennen, wann der Körper langsamer machen muss.

Wie bei vielen vielversprechenden neuen Ideen aus der Sportwissenschaft ist allerdings Vorsicht geboten. Die JACC-Autoren weisen darauf hin, dass ihre Daten von Fitness-Trackern einer kleinen Gruppe hochtrainierter Radfahrer und Läufer stammen. Das bildet nur einen sehr begrenzten Teil der Bevölkerung ab.

Blutdruck, Sauerstoffwerte und Biomarker der Erholung wurden nicht gemessen – obwohl all diese Faktoren für die Herzgesundheit wichtig sind. Um aus den Ergebnissen Empfehlungen für gewöhnliche Smartwatch-Nutzer abzuleiten, sind grössere Langzeitstudien erforderlich.

Hinzu kommt eine grundsätzliche Frage: Sollten wir Herzschläge wirklich als endliche Ressource betrachten? Kurzfristig „verbraucht“ Sport zwar Herzschläge, langfristig kann er aber oft zu mehr Lebenszeit „verhelfen“.

Das Herz eines Langstreckenläufers schlägt an einem einzelnen Tag möglicherweise häufiger, über ein ganzes Leben hinweg jedoch seltener. Denn Ausdauertraining senkt den Ruhepuls und steigert die Effizienz des Herzens. In diesem Sinne ist nicht die Nutzung des Herzens das Problem – sondern womöglich, es nicht zu nutzen.

Der Herzschlagverbrauch bleibt zumindest vorerst eine Metapher auf der Suche nach Bedeutung. Dennoch ist es eine poetische Metapher. Ob Fitness-Tracker oder Smartwatches irgendwann tatsächlich die gesamte Zahl der Herzschläge erfassen werden, ist offen. Die Botschaft dahinter ist jedoch einfach: Achten Sie darauf, wie sich Ihr Herz über den Tag hinweg verhält. Es geht nicht darum, Schläge einzusparen, sondern sie sinnvoll einzusetzen.

Tom Brownlee, ausserordentlicher Professor für Sport- und Bewegungswissenschaft, University of Birmingham

Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.

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