Ein Medikament zur Gewichtsabnahme könnte dem Herzen nach einem Herzinfarkt helfen – das klingt zunächst ungewöhnlich. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass dies möglich sein könnte.
Forschende der University of Bristol und des University College London haben herausgefunden, dass bestimmte GLP-1-Medikamente, die häufig bei Diabetes und zur Gewichtsabnahme eingesetzt werden, die Erholung des Herzens nach einem Herzinfarkt verbessern könnten.
Was geschieht bei einem Herzinfarkt?
Zu einem Herzinfarkt kommt es, wenn ein Blutgefäss, das den Herzmuskel versorgt, verschlossen wird.
Damit das Herz zuverlässig arbeiten kann, benötigt es kontinuierlich sauerstoffreiches Blut. Reisst dieser Blutstrom ab, nimmt ein Teil des Herzmuskels Schaden.
Ärztinnen und Ärzte versuchen, das verschlossene Gefäss möglichst rasch wieder zu öffnen. Diese Notfallbehandlung rettet zahlreiche Leben. Doch selbst wenn das Hauptgefäss wieder durchlässig ist, erholt sich das Herz nicht immer vollständig.
Winzige Gefässe bleiben verschlossen
Bei vielen Betroffenen tritt ein weiteres Problem auf, das der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist.
Bei fast der Hälfte aller Menschen mit Herzinfarkt bleiben kleinste Blutgefässe im Herzen blockiert. Dieses Problem wird als No-Reflow bezeichnet. Obwohl das grosse Blutgefäss geöffnet ist, erreicht das Blut bestimmte Bereiche des Herzmuskels nicht.
Ursache ist, dass sich sehr kleine Zellen, sogenannte Perizyten, um die winzigen Blutgefässe zusammenziehen. Durch dieses Zusammenpressen kann das Blut die Gefässe nur schwer passieren.
Dadurch wird das Herz nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Das erhöht innerhalb eines Jahres das Risiko für Herzinsuffizienz oder schwere Komplikationen.
„Unsere früheren Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass diese Verengung der Blutgefässe erheblich zum ‚No-Reflow‘ beiträgt, einer Komplikation, die innerhalb eines Jahres nach einem Herzinfarkt das Risiko für Tod oder eine Krankenhausaufnahme wegen Herzinsuffizienz erhöht“, sagte Dr. Svetlana Mastitskaya, die Hauptautorin der Studie.
„Unsere neuesten Ergebnisse sind jedoch überraschend, denn wir haben festgestellt, dass GLP-1-Medikamente dieses Problem möglicherweise verhindern können.“
GLP-1-Medikamente nach einem Herzinfarkt
GLP-1 ist ein natürliches Hormon, das im Darm gebildet wird. Medikamente, welche die Wirkung dieses Hormons nachahmen, werden bereits zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas verwendet.
Diese Arzneimittel regulieren den Blutzucker und senken den Appetit. Studien haben zudem ergeben, dass Menschen, die sie einnehmen, seltener schwere Herzprobleme entwickeln. Die Forschenden wollten herausfinden, weshalb das so ist.
Die Untersuchung ergab, dass GLP-1-Medikamente die kleinsten Blutgefässe im Herzen entspannen können. Entspannen sich die Perizyten, weiten sich diese kleinen Gefässe. So kann Blut wieder in Bereiche fliessen, die zuvor nicht genügend Sauerstoff erhielten.
Einfach gesagt: Das Medikament bewirkt, dass die kleinsten Blutgefässe des Herzens nicht mehr zusammengedrückt werden. Lässt der Druck nach, kann das Blut ungehindert fliessen und der Herzmuskel erhält den Sauerstoff, den er zur Heilung braucht.
Verbesserter Blutfluss
Die Forschenden prüften diesen Ansatz an Tieren. Nachdem sie einen Herzinfarkt ausgelöst und behandelt hatten, blieben in unbehandelten Herzen viele winzige Blutgefässe verschlossen.
Wurde dagegen ein GLP-1-Medikament eingesetzt, öffneten sich viele dieser kleinsten Gefässe erneut. Der Blutfluss verbesserte sich, während die Schädigung des Herzens geringer ausfiel.
Die Studie zeigte ausserdem, dass das Medikament winzige Kanäle in den Zellen aktiviert, welche bestimmen, wie stark Blutgefässe angespannt oder entspannt sind. Werden diese Kanäle eingeschaltet, entspannen sich die Zellen.
Ein neuer Ansatz zum Schutz des Herzens
„Da eine wachsende Zahl ähnlicher GLP-1-Medikamente inzwischen in der klinischen Praxis für Erkrankungen von Typ-2-Diabetes und Adipositas bis hin zu Nierenerkrankungen eingesetzt wird, unterstreichen unsere Ergebnisse das Potenzial, diese bereits vorhandenen Medikamente zur Behandlung des Risikos eines ‚No-Reflow‘ bei Herzinfarktpatienten umzuwidmen und damit eine potenziell lebensrettende Lösung anzubieten“, sagte Studienmitautor Professor David Attwell.
Diese Entdeckung ist besonders interessant, weil GLP-1-Medikamente bereits breit eingesetzt werden. Ärztinnen und Ärzte müssten möglicherweise kein völlig neues Arzneimittel entwickeln. Stattdessen könnte ein vorhandenes Medikament Menschen nach einem Herzinfarkt zu einer besseren Erholung verhelfen.
Die Forschung verdeutlicht, dass die Heilung des Herzens nicht allein vom Öffnen grosser Blutgefässe abhängt. Auch die kleinsten Gefässe spielen eine wichtige Rolle.
Indem sie diesen winzigen Gefässen helfen, sich zu entspannen und Blut passieren zu lassen, könnten GLP-1-Medikamente dem Herzen bessere Voraussetzungen geben, sich zu erholen und leistungsfähig zu bleiben.
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