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Sitzparadoxon: Warum moderates Sitzen gesund sein könnte

Junger Mann sitzt entspannt auf Holzstuhl und blickt aus großem Fenster in sonnigem Wohnzimmer.

Ihr Fitness-Tracker erinnert Sie daran aufzustehen. Im Büro wurde der Stuhl durch einen Stehschreibtisch ersetzt. Die Botschaft ist angekommen: Sitzen ist das neue Rauchen, und selbst mäßiges Sitzen sollte reduziert werden.

Eine neue Auswertung mit mehr als 41.000 Erwachsenen in China macht diese Erzählung jedoch komplexer.

Das geringste Risiko für Herzprobleme und einen frühen Tod hatten nicht die Menschen mit der kürzesten Sitzzeit, sondern jene mit einem moderaten Maß an Sitzen.

Warum Sitzen als problematisch gilt

Seit Jahren raten Gesundheitsbehörden Erwachsenen dazu, längeres Sitzen zu unterbrechen und sich mehr zu bewegen, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem vorzeitigen Tod vorzubeugen. Diese Empfehlung stützt sich auf eine große Menge an Studien.

Eine Untersuchung mit fast einer halben Million Beschäftigten verglich Personen, die viel sitzen, mit Menschen, die überwiegend auf den Beinen sind.

Bei den Viel-Sitzenden war die Wahrscheinlichkeit eines frühen Todes deutlich höher. Ergebnisse dieser Art festigten sich zu einem bekannten Schlagwort.

Fast sämtliche dieser Untersuchungen stammen jedoch aus wohlhabenden Ländern, in denen Menschen mit dem Auto zu Büroarbeitsplätzen fahren und ihre Freizeit auf dem Sofa verbringen. Dort liegt die tägliche Sitzdauer häufig bei mehr als 6 Stunden.

Ob das gleiche Muster auch in anderen Regionen gilt, war bislang offen.

Weniger Sitzen im Alltag

In China und in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ist der Alltag anders organisiert.

Bewegung ist dort stärker in Arbeit und Haushaltstätigkeiten eingebunden, weshalb die Menschen wesentlich weniger sitzen als Büroangestellte in wohlhabenderen Staaten.

Befragungen aus einer langjährigen globalen Gesundheitsstudie zeigen ein auffälliges Bild: Mehr als die Hälfte der Erwachsenen in China sitzt täglich weniger als 4 Stunden. Das liegt deutlich unter der ganztägigen Sitzzeit, die in reicheren Ländern verbreitet ist.

Damit wird die übliche Empfehlung infrage gestellt. Wer sich ohnehin viel bewegt und selten sitzt, profitiert möglicherweise kaum davon, die Sitzzeit noch weiter zu verkürzen.

Botschaften, die für Menschen mit einem durchgehend sitzenden Alltag entwickelt wurden, passen daher nicht zwingend für alle.

Die China-Studie zum Sitzverhalten

Die Studie begleitete mehr als 41.000 chinesische Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von etwa 50 Jahren. Sie wurden Mitte der 2000er-Jahre aufgenommen und fast 12 Jahre lang beobachtet.

Angaben zu Sitzzeit, körperlicher Aktivität und Schlaf wurden jeweils per Fragebogen erfasst.

Geleitet wurde die Studie von Wei Li, Professor an der Chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und dem Peking Union Medical College (PUMC).

Die Forschenden rechneten nicht mit einem geradlinigen Zusammenhang. Stattdessen ergab sich ein Verlauf in Form des Buchstabens J.

Mit zunehmender Sitzzeit ausgehend von einem niedrigen Niveau sank das Risiko zunächst, erreichte bei etwa 4 Stunden pro Tag seinen Tiefpunkt und stieg bei längeren Sitzzeiten wieder an. Sowohl die Personen mit der geringsten Sitzzeit von unter 2 Stunden als auch jene mit mehr als 6 Stunden schnitten schlechter ab.

Für Menschen mit viel Sitzzeit wirkte die Lösung vertraut: Wurden 30 Minuten Sitzen gegen Aktivität eingetauscht, stand dies mit einem um 3% bis 4% niedrigeren Risiko sowie einer um 6% bis 7% geringeren Wahrscheinlichkeit zu sterben in Verbindung. Das entspricht einer großen Übersichtsarbeit.

Moderates Sitzen könnte nützen

Die Überraschung zeigte sich am anderen Ende der Skala. Bei Erwachsenen, die bereits weniger als 4 Stunden täglich saßen und von denen viele sehr aktiv waren, kehrte sich die übliche Empfehlung um.

In dieser Gruppe war der Tausch von 30 Minuten Aktivität oder Schlaf gegen Sitzen mit einem niedrigeren statt mit einem höheren Risiko verbunden. Das Gesamtrisiko sank um etwa 4% bis 6%, während das Sterberisiko um 4% bis 10% zurückging.

Bis zu dieser Analyse hatte fast niemand den unteren Bereich der Sitzzeit genauer untersucht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass es eine Untergrenze gibt: Unterhalb davon bringt eine weitere Verringerung der Sitzzeit keinen Nutzen mehr und könnte sogar nachteilig sein.

„Bei sehr aktiven Menschen muss ein moderates Maß an Sitzen nicht schädlich sein“, sagte Li.

Die Forschenden bezeichneten dieses Muster als Sitzparadoxon und verknüpften es mit der älteren Annahme, dass langes Sitzen der Gesundheit schadet.

Ein altes Rätsel taucht erneut auf

Auch diese ältere Annahme hat einen Namen. Forschende stellten schon vor langer Zeit fest, dass Bewegung in der Freizeit das Herz schützt, während körperlich anstrengende Arbeit im Beruf dies nicht tut. Sie nennen dies das Paradoxon der körperlichen Aktivität.

Warum etwas Sitzen Menschen nützen könnte, die bereits sehr aktiv sind, ist nicht geklärt. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass es dem Körper nach belastenden Tagen Erholung ermöglicht und die Beanspruchung von Muskeln und Gelenken verringert.

Dieser Teil bleibt allerdings eine Hypothese. Die Studie erfasste, wie Gewohnheiten mit späteren Erkrankungen und Todesfällen zusammenhingen, nicht aber die Vorgänge im Körper.

Die Erklärung über Erholung ist eine fundierte Vermutung – keine nachgewiesene Ursache.

Was sich dadurch ändern könnte

Erstmals hat eine große Studie den äußersten unteren Bereich der Sitzzeit untersucht. Bei sehr aktiven Menschen scheint ein wenig Sitzen eher zu helfen als zu schaden. Das gesündeste Maß liegt nicht bei null.

Die praktische Botschaft hängt damit von der jeweiligen Person ab. Die Empfehlung, möglichst wenig zu sitzen, passt besser zu einem Büroangestellten als zu einer Pflegekraft, die bereits den ganzen Tag auf den Beinen ist. Künftige Leitlinien könnten dies berücksichtigen.

Das ist keine Rechtfertigung für lange Stunden auf dem Stuhl: Menschen mit hoher Sitzzeit profitierten weiterhin davon, sich mehr zu bewegen. Was sich ändert, ist die Annahme, dass weniger stets besser sei. Für sehr aktive Menschen ist ein Sitzplatz nicht der Feind.

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