Die Fitnesskultur unter Jugendlichen hat sich gewandelt. Heute prägen Nahrungsergänzungsmittel, Trainingspläne und Online-Trends die Gespräche.
Eine umfangreiche Studie, die über zwei Jahrzehnte hinweg mehr als 870.000 Jugendliche begleitete, bestätigt diesen Wandel. Zugleich macht sie deutlich, dass die Entwicklung komplex ist: Einige Risiken sind zurückgegangen, andere nehmen zu.
Jugendliche denken über Muskelaufbau neu nach
Für die Untersuchung werteten Forschende Daten der Erhebung „Monitoring the Future“ aus, die Schülerinnen und Schüler der 8., 10. und 12. Klassen in den gesamten Vereinigten Staaten erfasst.
Der Datensatz erstreckt sich über mehr als 20 Jahre und ermöglicht einen verlässlichen Einblick darin, wie sich das Verhalten von Jugendlichen im Zeitverlauf verändert.
Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Verschiebung beim Umgang Jugendlicher mit Krafttraining und Aussehen. Weniger Jugendliche greifen zu verbotenen Substanzen wie Steroiden.
Stattdessen entscheiden sich mehr von ihnen für legale Nahrungsergänzungsmittel wie Kreatin, die Leistungssteigerungen versprechen. Ihre Entscheidungen werden durch Social-Media-Trends, Online-Fitness-Communitys und den einfachen Zugang zu Produkten beeinflusst.
Die Studie verweist zudem auf ein stärkeres Bewusstsein für den Einfluss des Internets. „Ich habe diese Studie angesichts des Anstiegs von Social-Media-Trends durchgeführt, die eine toxische Gym-Kultur verherrlichen, sowie wegen der zunehmenden Zahl von ‚Looksmaxxern‘“, sagte Philip Veliz, Hauptautor der Studie von der University of Michigan.
Steroidgebrauch bei Jugendlichen sinkt
Der Rückgang beim Konsum anaboler Steroide zählt zu den deutlichsten Ergebnissen der Untersuchung. Anfang der 2000er-Jahre gaben rund 2 Prozent der Jugendlichen an, im vergangenen Jahr Steroide verwendet zu haben. In den Jahren 2023 und 2024 sank dieser Anteil auf 0,67 Prozent.
Bei Jungen ging der Wert von 2,92 Prozent auf 0,78 Prozent zurück. Bei Mädchen fiel er von 1,11 Prozent auf 0,41 Prozent.
Auch der Zugang wurde schwieriger. In den ersten Jahren erklärten mehr als ein Drittel der Jugendlichen, Steroide seien leicht erhältlich. Dieser Anteil liegt inzwischen bei etwa 18 Prozent.
„Was mich überrascht hat, war, dass der Steroidgebrauch unter Jugendlichen in den vergangenen fünf Jahren nicht zugenommen hat“, sagte Veliz. „Das ist ein positives Ergebnis, doch es sind weitere Untersuchungen erforderlich.“
Kreatinkonsum bei Jugendlichen nimmt zu
Gleichzeitig ist der Kreatinkonsum stark angestiegen. Bei Jungen verdoppelte sich die Nutzung von 8,71 Prozent im Jahr 2019 auf 16,57 Prozent im Jahr 2024. Auch bei Mädchen zeigte sich ein Zuwachs: Der Anteil stieg von 1,22 Prozent auf 3,27 Prozent.
Über alle Jugendlichen hinweg erhöhte sich die Nutzung während des gesamten Untersuchungszeitraums von 6,29 Prozent auf 9,68 Prozent.
Dieser rasche Anstieg deutet auf eine Verlagerung hin zu legalen und breit verfügbaren Nahrungsergänzungsmitteln. Kreatin ist unkompliziert erhältlich, preiswert und wird online intensiv beworben.
Jugendliche begegnen dem Produkt durch Influencer, Sportlerinnen und Sportler sowie Gleichaltrige, die es als normalen Bestandteil von Fitness darstellen.
Geschlechterunterschied bleibt bestehen
Die Daten zeigen einen ausgeprägten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Jungen verwenden Kreatin etwa fünfmal so häufig wie Mädchen.
Das spiegelt wider, dass Botschaften über Muskelaufbau oft gezielter an junge Männer gerichtet werden.
Dennoch stehen Mädchen nicht außerhalb dieses Trends. Ihre Nutzung hat sich in den vergangenen Jahren beinahe verdreifacht. Das legt nahe, dass der Druck durch Körperbilder alle Jugendlichen betrifft, sich jedoch unterschiedlich äußert.
„Unabhängig vom Geschlecht liegt ein großer Schwerpunkt auf dem Körperbild, insbesondere bei Mädchen“, sagte Veliz.
„Außerdem trainieren viele Mädchen im Jugendalter mit Gewichten und versuchen, ihre Muskulatur auf geschlechtsspezifische Weise zu vergrößern, beispielsweise indem sie gezielt Beinmuskeln trainieren, um deren Umfang oder Definition zu erhöhen.“
Jugendliche, Kreatin und Sicherheit
Kreatin gilt bei erwachsenen Sportlerinnen und Sportlern als sicher. Medizinische Empfehlungen befürworten seine Verwendung bei Personen unter 18 Jahren jedoch nicht. Die langfristigen Auswirkungen auf sich entwickelnde Körper sind weiterhin unklar.
Trotzdem gibt es nur wenige Hürden beim Erwerb. Jugendliche können es problemlos in Geschäften oder über Online-Plattformen kaufen. Strenge Alterskontrollen fehlen, und das Marketing blendet altersbezogene Risiken häufig aus.
Dadurch entsteht eine Lücke zwischen wissenschaftlicher Vorsicht und dem tatsächlichen Verhalten. Jugendliche nutzen ein Produkt, das für ihre Altersgruppe wissenschaftlich noch nicht umfassend untersucht wurde.
Risikowahrnehmung verändert sich
Ein weiteres zentrales Ergebnis betrifft die Einschätzung von Risiken durch Jugendliche. Anfang der 2000er-Jahre waren etwa 62 Prozent überzeugt, dass Steroidgebrauch ein hohes Risiko birgt. Dieser Wert ist auf rund 56 Prozent gefallen.
Dieser Rückgang ist bemerkenswert, weil der Steroidgebrauch selbst abgenommen hat. Jugendliche scheinen Steroide weniger zu fürchten, obwohl sie seltener konsumiert werden.
Das spricht dafür, dass der eingeschränkte Zugang wichtiger sein könnte als veränderte Einstellungen. Sollte sich die Verfügbarkeit künftig ändern, könnte sich auch das Verhalten erneut verschieben.
Daten haben Grenzen
Die Studie stützt sich auf Befragungen an Schulen. Daher könnten bestimmte Gruppen unberücksichtigt bleiben. Jugendliche, die der Schule fernbleiben oder Umfragen meiden, könnten andere Verhaltensweisen zeigen.
Andere Studien berichten in klinischen Einrichtungen oder im kommunalen Umfeld häufig von einem höheren Steroidgebrauch. Die tatsächlichen Zahlen könnten deshalb etwas über den hier angegebenen Werten liegen.
Die übergeordneten Trends bleiben dennoch eindeutig: Der Steroidgebrauch geht zurück, während die Nutzung von Nahrungsergänzungsmitteln zunimmt.
Neue Herausforderung für die Gesundheit
Diese Entwicklung schafft eine neue Herausforderung für die öffentliche Gesundheit. Frühere Maßnahmen konzentrierten sich auf den illegalen Drogenkonsum im Sport. Diese Bemühungen scheinen Wirkung gezeigt zu haben.
Nun sollte sich die Aufmerksamkeit auf legale Nahrungsergänzungsmittel verlagern. Diese Produkte bewegen sich in einem Bereich mit weniger Regulierung und geringerer Forschung speziell für jüngere Nutzerinnen und Nutzer.
Medizinisches Fachpersonal muss möglicherweise die Gespräche mit Jugendlichen anpassen. Gespräche über Fitness sollten Nahrungsergänzungsmittel einschließen und sich nicht ausschließlich auf verbotene Substanzen beschränken.
Jugendliche von Steroiden fernhalten
Die Ergebnisse belegen Fortschritte, lassen aber auch Unsicherheiten erkennen. Jugendliche wenden sich von den gefährlichsten Drogen ab. Gleichzeitig nutzen sie Produkte, die von der Wissenschaft für ihre Altersgruppe noch nicht vollständig untersucht wurden.
„Noch muss geklärt werden, ob sich dies letztlich in Steroidgebrauch niederschlägt, wenn sie zu jungen Erwachsenen werden“, sagte Veliz.
Die kommenden Jahre werden entscheidend sein. Die Forschung muss mit dem Verhalten Schritt halten. Bis dahin werden Jugendliche ihren eigenen Fitnessweg weiter gestalten – stärker beeinflusst von Trends und Verfügbarkeit als von wissenschaftlichen Erkenntnissen.
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