Kreatin genießt in der Fitnesswelt seit Langem einen hervorragenden Ruf. Sportlerinnen, Sportler und Fitnessstudio-Besuchende setzen es seit Jahren ein, um Kraft und Muskelaufbau zu unterstützen.
Kreatin zählt zu den am intensivsten erforschten Nahrungsergänzungsmitteln im Sport. Zahlreiche Studien haben untersucht, wie es den Muskeln dabei hilft, Energie für hochintensive Belastungen bereitzustellen.
Weniger bekannt ist jedoch, dass auch das Gehirn täglich enorme Energiemengen benötigt. Die Bedeutung von Kreatin für diesen Vorgang ist Forschenden schon lange bekannt.
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Könnte dasselbe Präparat, das beim Krafttraining verwendet wird, auch Menschen mit Depressionen helfen?
Kreatin: mehr als ein Mittel für die Muskeln
Eine neue systematische Übersichtsarbeit ging dieser Möglichkeit nach und wertete sechs veröffentlichte Berichte zu fünf randomisierten kontrollierten Studien aus.
In diesen Untersuchungen wussten weder die Teilnehmenden noch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, wer Kreatin und wer ein Placebo erhielt.
Die Studien wurden in Südkorea, den Vereinigten Staaten, Brasilien, Israel und Indien durchgeführt. Zu Beginn nahmen insgesamt 238 Personen teil: 126 erhielten Kreatin, 112 ein Placebo.
Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden betrug 36 Jahre. Die Mehrheit war weiblich, wobei zwei Studien ausschließlich Frauen einschlossen.
Vier Untersuchungen befassten sich mit einer Major Depression, eine weitere mit depressiven Zuständen im Rahmen einer bipolaren Störung.
Da sich die Studien in ihrem Aufbau deutlich unterschieden, prüften die Forschenden jede einzeln, anstatt die Daten in einer gemeinsamen statistischen Analyse zusammenzuführen.
Uneinheitliche Ergebnisse zur Wirkung bei Depressionen
Die Resultate ergaben kein eindeutiges Bild. Zwei der fünf Studien berichteten über vielversprechende Ergebnisse. Beide stammten aus derselben Untersuchung mit Frauen, die an einer Major Depression litten.
Teilnehmerinnen, die zusätzlich zum Antidepressivum Escitalopram täglich fünf Gramm Kreatin einnahmen, zeigten nach acht Wochen eine stärkere Verringerung depressiver Beschwerden als jene, die ein Placebo bekamen.
Der Effekt war deutlich: Auf der Hamilton Depression Rating Scale lag Cohen’s d bei 1.13, und mehr Frauen erreichten eine Remission.
Eine weitere Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Kombination aus Kreatin und kognitiver Verhaltenstherapie die Symptome stärker senkte als eine Therapie zusammen mit einem Placebo.
Die Wirkung könnte von der Erkrankung abhängen
Die drei übrigen Studien zeichneten ein anderes Bild.
Eine davon stellte keinen Nutzen fest, wenn Menschen, deren Depression nicht auf Medikamente angesprochen hatte, täglich fünf oder zehn Gramm Kreatin einnahmen.
Eine andere berichtete bei jugendlichen Mädchen, die unterschiedliche Kreatin-Dosierungen erhielten, über keine Verbesserung.
Auch die fünfte Studie fand bei Personen mit bipolarer Störung während einer depressiven Episode keinen Vorteil.
Zwei Teilnehmende mit bipolarer Störung, die Kreatin erhalten hatten, entwickelten Hypomanie oder Manie. Dies deutet darauf hin, dass das Präparat bei verschiedenen psychischen Erkrankungen unterschiedlich wirken könnte.
Warum Kreatin das Interesse der Wissenschaft geweckt hat
Obwohl es nur einen kleinen Anteil des gesamten Körpergewichts ausmacht, verbraucht das Gehirn etwa 20 Prozent der Energie des Körpers.
Jede Nervenzelle benötigt Adenosintriphosphat, kurz ATP, um zu funktionieren. Kreatin unterstützt die Wiederherstellung von ATP, nachdem es verbraucht wurde.
Bei Menschen mit affektiven Störungen haben Wissenschaftler Veränderungen im Kreatin-Stoffwechsel des Gehirns festgestellt. Das weist darauf hin, dass Probleme bei der Energieproduktion zur Depression beitragen könnten.
Kreatin könnte außerdem Dopamin und Serotonin beeinflussen. Diese beiden Botenstoffe im Gehirn spielen für die Stimmung eine Rolle und werden bereits von vielen Antidepressiva gezielt beeinflusst.
Der Zusammenhang ist weiterhin nicht bestätigt
Die bisherige Evidenz belegt dennoch nicht, dass ein niedriger Kreatinspiegel im Gehirn Depressionen verursacht. Der Zusammenhang ist weiterhin eine Korrelation und kein Nachweis von Ursache und Wirkung.
„Das Signal ist interessant, aber kein Urteil“, sagte Bassam Jeryous Fares, Erstautor der Übersichtsarbeit und Student an der Medizinischen Fakultät der University of Ottawa.
„Zwei Studien wiesen in die eine Richtung, drei in die andere. Das ist nicht die Art von Evidenz, auf deren Grundlage man die klinische Praxis verändert. Sie zeigt vielmehr, dass es sich lohnt, die Frage weiter zu untersuchen.“
Auch Nicholas Fabiano, korrespondierender Autor und Assistenzarzt für Psychiatrie an der University of Ottawa, mahnte zur Vorsicht.
„Kreatin scheint eine sichere Intervention zu sein. Die von uns festgestellten unerwünschten Ereignisse beschränkten sich auf leichte Magen-Darm-Beschwerden“, sagte Fabiano.
„Wir können noch nicht verlässlich sagen, ob Kreatin bei depressiven Symptomen hilft oder ob sich die Ergebnisse auf alle Menschen übertragen lassen.“
Mehr offene Fragen als Antworten
Die Übersichtsarbeit weist auf mehrere Einschränkungen hin. Die klinischen Studien waren klein, die Teilnehmenden waren nicht gleichmäßig nach Geschlecht verteilt, und nur zwei Studien wurden als Untersuchungen mit niedrigem Verzerrungsrisiko bewertet.
Bei drei Studien bestanden Bedenken hinsichtlich der Zuteilung der Teilnehmenden zu den Behandlungsgruppen und des Umgangs mit fehlenden Daten.
Nach Ansicht der Forschenden sind größere Studien erforderlich, insbesondere Untersuchungen mit einer Dauer von mehr als acht Wochen.
Zudem wünschen sie sich Studien, die Kreatin in Verbindung mit Bewegung untersuchen und verschiedene Dosierungen prüfen, wobei berücksichtigt werden muss, dass höhere Mengen nicht immer besser sind.
Eine interessante, aber unbewiesene Möglichkeit
Auch Tierstudien lassen vermuten, dass Kreatin bei Männchen und Weibchen unterschiedlich wirken könnte. Das könnte erklären, weshalb Studien mit einem höheren Frauenanteil stärkere Ergebnisse zeigten.
Vorerst bleibt Kreatin ein Nahrungsergänzungsmittel mit nachgewiesenen Vorteilen für die Muskelleistung und einer interessanten, jedoch unbewiesenen Möglichkeit zur Behandlung von Depressionen.
Die Forschung schreitet voran, doch die Evidenz ist noch nicht stark genug, um die Behandlung von Depressionen zu verändern.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Brain Medicine veröffentlicht.
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