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Physiologischer Hunger oder emotionaler Hunger: So erkennen Sie den Unterschied

Nachdenklicher junger Mann sitzt am Tisch mit gesunder Mahlzeit, Schokolade, Donut und Wasser in moderner Küche.

Wer hat nicht schon einmal den Kühlschrank geöffnet, ohne wirklich hungrig zu sein, oder nach einem stressigen Tag zu Süßigkeiten gegriffen? Essen dient zwar nicht nur der Deckung des Nährstoffbedarfs. Dennoch ist es entscheidend, physiologischen Hunger von emotionalem Hunger unterscheiden zu können, um einen ausgewogeneren Umgang mit Ernährung zu entwickeln und die körperliche sowie psychische Gesundheit zu schützen.

Physiologischer Hunger entsteht, wenn der Körper tatsächlich Energie und Nährstoffe benötigt. In der Regel entwickelt er sich schrittweise und lässt sich mit unterschiedlichen Lebensmitteln stillen. Emotionaler Hunger tritt dagegen häufig plötzlich auf und kann mit Angst, Traurigkeit, Stress, Frustration, Einsamkeit, Langeweile oder auch dem Wunsch nach Belohnung zusammenhängen.

Mechanismen, die das Hungergefühl beeinflussen

Laut Dr. Diana Sá, Ärztin und Dozentin des Aufbaustudiengangs Endokrinologie an der Afya Brasília, verfügt der Körper über ein komplexes System zur Regulierung von Hunger und Sättigung. „Physiologischer Hunger signalisiert, dass der Körper Energie und Nährstoffe braucht. An diesem Vorgang sind das Gehirn – insbesondere der Hypothalamus –, der Magen-Darm-Trakt, das Fettgewebe und verschiedene Hormone beteiligt“, erklärt sie.

Die Endokrinologin erläutert die Rolle der beteiligten Hormone: Ghrelin, auch als Hungerhormon bekannt, steigt vor Mahlzeiten üblicherweise an und regt den Appetit an. Leptin wird vor allem im Fettgewebe gebildet und informiert das Gehirn über die verfügbaren Energiereserven des Körpers. Auch Insulin ist an der Steuerung des Appetits und des Energiehaushalts beteiligt. Nach dem Essen übermitteln zudem im Magen-Darm-Trakt gebildete Hormone wie GLP-1, PYY und CCK dem Gehirn Signale zur Sättigung.

Die Ärztin betont jedoch, dass diese Prozesse nicht unabhängig voneinander ablaufen. „Faktoren wie Schlafmangel, Stress, Angst, Emotionen, das Ernährungsumfeld und selbst die Qualität der verzehrten Lebensmittel beeinflussen die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung unmittelbar“, warnt sie.

Emotionaler Einfluss auf den Wunsch zu essen

Dr. Fernanda Miranda, Ärztin und Dozentin für Psychiatrie an der Afya Itaperuna, erklärt, dass Ernährung eng mit den Hirnmechanismen für das Erleben von Freude verknüpft ist. „Emotionales Essen hat eine gut belegte neurobiologische Grundlage. Wenn wir als Reaktion auf Traurigkeit, Angst, Langeweile oder Frustration essen, aktivieren wir das sogenannte Belohnungssystem des Gehirns – also dasselbe System, das auch bei anderen Formen der Suche nach unmittelbarer Befriedigung beteiligt ist. Das Problem ist, dass diese Erleichterung meist nur vorübergehend ist. Anschließend bleibt das Gefühl bestehen und wird häufig noch von Schuldgefühlen begleitet.“

Nach Angaben der Psychiaterin aktivieren stark verarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker und Fett dieses System besonders intensiv, da sie rasch ein angenehmes Gefühl auslösen. „In emotional belastenden Momenten sucht das Gehirn nach Reizen, die sofort Wohlbefinden schaffen. An einem schwierigen Tag etwas Süßes zu essen, ist nicht zwangsläufig problematisch. Bedenklich wird es, wenn dies zur wichtigsten oder einzigen Strategie im Umgang mit Gefühlen wird“, warnt sie.

Auch die Art, wie sich der Hunger zeigt, kann helfen, emotionalen Hunger zu erkennen. „Bei physiologischem Hunger macht praktisch jede nahrhafte Mahlzeit satt. Bei emotionalem Hunger besteht dagegen ein sehr konkretes Verlangen nach Lebensmitteln wie Schokolade, Pizza, Hamburgern, Eis oder Fast Food. Er tritt meist unvermittelt auf, geht mit Dringlichkeit einher und ist beim Essen oft von einem Gefühl des Kontrollverlusts begleitet“, erläutert die Ärztin.

Dr. Fernanda Miranda ergänzt, dass Schuld und Scham nach dem Essen ebenfalls häufige Hinweise sind. „Dieser Kreislauf kann sich wiederholen, weil das emotionale Unwohlsein die Person dazu bringt, erneut Essen als Form der Erleichterung zu suchen“, stellt sie fest.

Nicht jeder Wunsch zu essen ist Hunger

Für Dr. Renato Zorzo, Arzt und Dozent für Ernährungsmedizin an der Afya Ribeirão Preto, weist nicht jedes Verlangen nach Essen auf einen Nährstoffbedarf hin. Der Ernährungsmediziner zufolge ist es ein wichtiger Schritt, die Körpersignale wahrzunehmen, um Überessen und Episoden von Essanfällen zu vermeiden. „Oft sind wir müde, ängstlich oder emotional überlastet, und das kann mit Hunger verwechselt werden. Diese Auslöser zu erkennen, hilft dabei, bewusstere Entscheidungen zu treffen.“

Der Experte warnt außerdem vor sehr restriktiven Diäten ohne fachliche Begleitung. „Wenn eine Nahrungsrestriktion eigenständig vorgenommen wird, kann der Körper diesen Vorgang als Mangel deuten, wodurch das Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln noch stärker wird. Darüber hinaus können strenge Einschränkungen die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen beeinträchtigen. Unter professioneller Begleitung können solche Strategien in bestimmten Situationen und für einen festgelegten Zeitraum angezeigt sein“, betont er.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist laut Dr. Renato Zorzo eine regelmäßige Essroutine. „Feste Essenszeiten helfen dabei, die Signale des eigenen Körpers besser zu verstehen. Sie erleichtern es auch zu erkennen, ob ein Impuls aus einem physiologischen Bedürfnis oder einem emotionalen Auslöser entstanden ist. Zudem begünstigt schlechter Schlaf ebenfalls Mechanismen, die mit emotionalem Hunger verbunden sind“, erklärt er.

Wie lässt sich erkennen, ob der Hunger physiologisch oder emotional ist?

Fachleute empfehlen, vor dem Essen kurz innezuhalten und Körper- sowie Gefühlszustand anhand der folgenden Fragen zu prüfen:

  1. Wie lange ist meine letzte Mahlzeit her?
  2. Hat sich der Hunger langsam entwickelt oder ist er plötzlich gekommen?
  3. Würde ich eine vollwertige Mahlzeit mit Reis, Bohnen, Gemüse und einer Proteinquelle essen, oder möchte ich nur etwas Bestimmtes wie Schokolade, Pizza oder Eis?
  4. Bin ich ängstlich, traurig, gereizt, müde, gelangweilt oder emotional überlastet?
  5. Habe ich in der vergangenen Nacht gut geschlafen?
  6. Knurrt mein Magen, oder habe ich lediglich Lust zu essen?
  7. Möchte ich weiteressen, obwohl ich körperlich bereits satt bin?
  8. Empfinde ich nach dem Essen häufig Schuld oder Reue?
  9. Nutze ich Essen als Belohnung oder emotionalen Trost?
  10. Lässt das Verlangen nach, wenn ich einige Minuten warte oder Wasser trinke?
  11. Wie werde ich mich ungefähr 20 Minuten nach dem Essen dieses Lebensmittels fühlen?

Den Ärzten zufolge schaffen diese Fragen Abstand zwischen Impuls und Handlung und unterstützen dadurch bewusstere Entscheidungen. Es geht nicht darum, emotionalen Hunger vollständig zu beseitigen, sondern zu verhindern, dass er zur wichtigsten Bewältigungsstrategie für belastende Gefühle wird und die Beziehung zum Essen beeinträchtigt.

Sie unterstreichen, dass gelegentlicher emotionaler Hunger zur menschlichen Erfahrung gehört und für sich genommen keine Essstörung bedeutet. Problematisch wird das Verhalten, wenn es häufig auftritt, Leidensdruck verursacht oder die Lebensqualität einschränkt. In diesem Fall ist es wichtig, medizinische und psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Von Beatriz Felicio

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